Wiener Geflecht – was ist das eigentlich?

Wiener Geflecht – was ist das eigentlich?

Vermutlich saß jeder irgendwann schon einmal auf Wiener Geflecht. Denn das Muster aus dünnen, miteinander verflochtenen Strängen aus Peddigrohr ist ein echter Klassiker unter den Bespannungen für verschiedenste Sitzmöbel. Nur: Was genau ist Wiener Geflecht eigentlich? Wo kommt es her? Und wie wird es heute verwendet?

Wiener Geflecht - was ist das eigentlich

Flechtkunst im Möbelbau

Die Korbflechterei gehört zu den ältesten Handwerkskünsten des Menschen und hielt in Europa spätestens mit Beginn unserer Zeitrechnung auch in den Möbelbau Einzug. Bis ins 17. Jahrhundert hinein wurden aber ausschließlich heimische Materialien wie Weide, Stroh oder Binsen verflochten. Doch dann fand das Peddigrohr seinen Weg hierher.

Aus Kolonien in Ländern wie Indien, Indonesien, Malaysia oder Vietnam wurden zunächst Rattanmöbel importiert. Schon kurze Zeit später ließen sich Korbflechter und Möbelbauer Peddigrohr liefern, um es selbst zu Flechtwerk zu verarbeiten.

Aus dem Produkt, das aus dem Stamm der Rattanpalme gewonnen wird, fertigten sie Geflechte für die Sitzflächen von Stühlen, Sesseln und Chaiselongues. Aber auch für die Füllungen von Schrank- und Kommodentüren, für Betthaupte oder für Wiegen wurde das verflochtene Peddigrohr verwendet.

Das Wiener Geflecht

Bereits seit dem Barock gibt es zahllose Beispiele für europäische Möbelstücke, bei denen ein Geflecht aus Peddigrohr zum Einsatz kam. Und bis heute ist das Flechtwerk nicht nur regelmäßig anzutreffen, sondern seit einiger Zeit sogar wieder absolut im Trend.

Wiener Geflecht wird in erster Linie mit dem weltberühmten Kaffeehaus-Stuhl Modellnummer 14 aus dem Hause Thonet in Verbindung gebracht. Allerdings hängt das wohl eher damit zusammen, dass eben jener Stuhl Weltruhm erlangte. Denn mit dem berühmten Flechtmuster waren schon andere Stühle aus Wien im späten 18. Jahrhundert bezogen.

Die Herstellung des Wiener Geflechts gehört zum grundlegenden Wissen von Korb- und Möbelflechtern. Wenn nämlich alte Möbel restauriert werden müssen, ist die Technik regelmäßig gefragt. Für das Geflecht werden sechs Stränge miteinander verflochten.

Dabei wird zunächst eine Gitterstruktur aus je zwei senkrechten und zwei waagerechten Strängen angelegt. In dieses Gitter werden anschließend zwei weitere Rohrstränge eingeflochten, die diagonal verlaufen.

Die senkrechten, waagerechten und diagonalen Bindungen verleihen dem Geflecht zum einen seine Festigkeit. Zum anderen entsteht auf diese Weise die typische Optik. Weil sie an Achtecke oder Waben erinnert, wird das Wiener Geflecht auch Achteck- oder Wabengeflecht genannt.

Ob das Muster eher grob wirkt oder fein und engmaschig rüberkommt, hängt vom Abstand der Löcher innerhalb des Musters ab.

Kunsthandwerk und Industrieware

Möbel mit Korbgeflecht waren ein Luxus, den sich lange Zeit nur Angehörige höherer Gesellschaftsschichten leisten konnten. Mit der Industrialisierung wurden die Möbel dann für jedermann erschwinglich. Vor allem während des Historismus kam das Geflecht schwer in Mode. Seinerzeit wurden die Möbelstücke industriell hergestellt und anschließend von Heimarbeiterinnen beflochten.

Heute ist die Industrie noch einmal ein großes Stück weiter. Inzwischen gibt es nämlich nicht nur ganze Reparatur-Sets für Stühle und andere Möbel mit Korbgeflecht. Stattdessen ist das Wiener Geflecht in fast jedem Baumarkt als Meterware erhältlich.

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Im Möbelbau wird diese Meterware gerne verarbeitet, aber auch für diverse DIY-Projekte ist das Material sehr beliebt.

Wer ein altes und wertvolles Möbelstück mit beschädigtem Geflecht hat, sollte sich trotzdem besser an einen Korbflechter oder Möbelrestaurator wenden. Damit das alte Schätzchen noch lange erhalten bleibt, führt an einer sachgerechten Aufarbeitung kein Weg vorbei.

Außerdem ist von Hand gearbeitetes Wiener Geflecht deutlich fester und stabiler mit dem Möbelstück verbunden als eine am Stück angebrachte Matte.

Wiener Geflecht als angesagter Trend

Seine zeitlose Ästhetik sorgt dafür, dass der Thonet Kaffeehaus-Stuhl Nummer 14 auch nach über 150 Jahren noch immer ein angesagtes Möbelstück ist. Zumal er sich mit allen Einrichtungsstilen kombinieren lässt und eine bequeme Sitzmöglichkeit schafft. Thonet brachte einige weitere Modelle mit Wiener Geflecht auf den Markt und auch andere namhafte Möbeldesigner setzen auf das berühmte Flechtmuster.

Wirklich out waren Möbel mit Korbgeflecht nie. Doch gerade in jüngerer Vergangenheit erlebt das Wiener Geflecht ein großes Comeback. In einer modernen, jungen und leichten Form taucht es zum Beispiel in Küchenfronten, Verkleidungen für Heizkörper oder auch Lampenschirmen auf.

Bastelidee: Vase aus Wiener Geflecht

Für alle, die jetzt auf den Geschmack gekommen sind, haben wir zum Schluss noch eine Bastelidee. Aus einem Stück Wiener Geflecht fertigen wir nämlich eine Vase an, die klassisches Design mit natürlicher Leichtigkeit verbindet. Und ganz im Sinne von Feng Shui gleicht das Peddigrohr Metalle aus und sorgt so nebenbei auch noch für ein harmonisches Gleichgewicht im Raum.

Für die Vase werden benötigt:

  • ein einfaches Glasgefäß

  • ein Stück Wiener Geflecht

  • dünne Paketschnur oder Bratengarn

  • etwas Kreppband

  • Schere

Wiener Geflecht als Meterware lässt sich mit der Schere problemlos zuschneiden. Dabei wird das Stück so zurechtgeschnitten, dass es ungefähr so hoch ist wie das Glasgefäß und im Umfang gute 2 cm breiter. Dann das Geflecht einmal um das Gefäß herumlegen und die Form mit Kreppband fixieren.

Anschließend wird das Geflecht mit der Schnur verbunden. Dazu die Schnur dort, wo sich die Ränder des Geflechts überlappen, jeweils durch die Löcher hindurch um die senkrechten Streben fädeln.

Die Naht von oben nach unten arbeiten und die Schnur am Ende mit einem Knoten auf der Innenseite sichern. Dann kann das Kreppband entfernt werden. Und schon ist die trendige Vase fertig!

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Hallo, ich bin Jenny Evers, 1980 geboren und schreibe hier mit Ferya Gülcan (Betreiberin und Redakteurin dieser Webseite), sowie Sevil Kur (Youtube Kanal Sevilart), diverse Anleitungen und Ratgeber zum Thema Flechten. Viel Erfahrung sammelte ich durch die Mitarbeit viele Jahre in einem Bastelladen, zudem ist das Thema DIY - Do It yourself ein ewiges präsentes Thema bei mir. Durch meine Freundin ( Frisörmeisterin) habe ich ab und an auch Frisuren zum Thema.

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